Gregor Kunz,
Ausstellungseröffnung Maja Drachsel, Galerie Ines Schulz, Dresden, 29.10.2015



Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

Künstler ergreifen, was sie ergriffen hat. Was sie nehmen und zusammenführen, reagiert und bewegt, transformiert sich: Ins anders oder überhaupt erst Sichtbare. Kunstarbeit ist ein aktives Erfahren und Deuten der Welt, angefangen mit dem Zugriff von Augen, Kopf und Hand, dann weiter über Verfahren und Techniken, Umgang, Betrachtung, Diskussion und Wirkung. Die Praxis Kunst teilt Erfahrungen mit und verknüpft sie, die Erfahrungen der Künstler und die der Betrachter, unter anderem die, das da mehr ist, als das Sichtbare. Wenn Künstler taugen (und wenig genug dagegen steht), ist dabei unbedingt mehr als die Summe der Teile zu erwarten.
Kunst, meine ich, wurzelt im Elementaren und fügt der Welt etwas Wesentliches hinzu, das anders nicht zu haben ist, sagen wir, angesichts der Bilder hier: Möglichkeiten des Umgangs mit dem Unbekannten, Möglichkeiten der Erkenntnis und Möglichkeiten der Schönheit.

In der Malerei Maja Drachsels agieren Farbe und Flächen, begegnen Figuren, einzeln zumeist oder anders unverbunden, ein Dasein, von dem ich glauben kann, es ist nicht allein das ihre. Öfter dominiert Blau, das Himmel sagt, Wasser, aber auch Loch, Pflanzen, Boden und Wand und dann immer noch etwas anderes. Irdisches Grün wächst zu Atmosphären auf und weiter ums Ego, für sich, aber nicht nur.
Blau und Grau stehen in ihrem Eigenleben der üblichen Wahrnehmung (oder deren Übersetzungen) noch am nächsten, Grün aber und mehr noch Gelb, Orange, Ocker besetzen ihre Flächen und halten sie frei... Wofür? Das verhandelt das Bild. Dingliches markiert den Ort oder bestimmt ihn, lässt sich als Blume sehen, Bäume, Gerät. Doch sind diese Striche und Punkte eher Zeichen, Struktur, und selbst wieder Fläche, ein Meinen, nie scharf, anheim gegeben den Blicken als ein vielfacher Griff.
Stark stilisiert, aber unbedingt menschlich, sitzen, stehen, laufen, schaukeln die Figuren, jung zumeist und allein, mehr dem Ritual verbunden als einander. Nicht Individuen sind hier unterwegs, sondern Rollen und Typen, einige davon sehr alt, doch ausgesetzt in jener unheimlichen Mitternacht, die Jetzt heißt und schattenlos ist. Sie sind Träger, von Gefühlen unter anderem, und unfesten Identitäten, von denen wieder gesagt werden kann, dass sie nicht allein der Künstlerin angehören. Die von autonomen Farben und Nichtfarben besetzten und offen gelassenen Flächen offenbaren hier ihr Potential, vielleicht ihre Bestimmung: Ungewissheiten, Wünsche und Ängste, Melancholie, Trauer, Zorn, Fremdheit, auch Wut und die ihnen unbedingt eigene Kraft wirken zu lassen. Sie sind Resonanzböden für Gefühle, Identitäten, Stimmungen und Fragen. Wessen? Das verhandeln die Bilder... Picasso hielt Kunst für eine Emanation von Trauer und Schmerz: „Die Trauer eignet sich zur Meditation, und der Schmerz liegt dem Leben zugrunde“. Die Fähigkeit zu trauern, den Schmerz, Gefühle sicht- und aushaltbar zu machen, ist etwas, das diese Welt dringend nötig hat. „Das einzige, was ein Kunstwerk kann“, meinte Heiner Müller, „ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt.“
Wenn ihr ein Bild wichtig werde, sagt Drachsel, dann werde es vielleicht gut.

Ein Bild machen heißt mit Wirklichkeit umgehen, kollegial als auch rivalisierend Wirklichkeit realisieren. Imaginieren, sagt Octavio Paz, heiße: über sich hinausgehen . „Als ein Wesen, das imaginiert, weil es begehrt, ist der Mensch fähig, die ganze Welt in ein Bild seines Verlangens zu verwandeln.“ Ins Bild kommt, was fehlt und danach verlangt.
Ich sehe Schwarz, Blau, Rot, Lila, Grau, Grün, Weiß, ein Boot. Das Boot sagt Wasser, das Ruder Bewegung, nicht schnell. Im Boot sitzen drei Figuren, zwei helle Schatten und ein dunkler, drei Menschen, einander zugewandt. So wie sie sitzen, still, fast starr, scheint es, als zitierten sie gleichsam ihre Herkunft aus Fleck und Farbdialogen, dementierten und bestätigten sie sich selbst. So, wie das Boot mit ihnen im Bild sitzt, erinnert es an den starren, eingefrorenen Blick eines Seestücks, einen verharrenden Floß der Medusa etwa, und mich an das Gedicht des Georg Trakl, das „Untergang“ heißt: „Am Abend weht von unseren Sternen ein eisiger Wind.“
Ein genau bemessenes Rot trennt diese Welt in drei Sphären, deren mittlere die merkwürdigste ist: der Ort der Trennung, des Umschlags, der Aufhebung des Orts im Imaginären. Das Boot ist das Zentrum, gewiss, aber trotzdem (oder noch) gehört es der unteren Welt an. Darüber, im Oben, liegt das Abgetrennte, fast oder ganz, jedenfalls fern... Fast weiß steigt Wasser oder Dampf oder beides, isoliert wie eine Walfontäne, bricht heftig als Welle am unsichtbaren Fels, eben da, wo ein Durchgang ist oder sein könnte, zum Hafen, wenn es den gibt, zu Inseln, zum nächsten Tag. Kippt das Boot demnächst oder richtet es sich gerade auf? Liegt es nur still im Wasser, das eben zu wallen beginnt? Seine Insassen geben keine Auskunft oder in ihrer unbeteiligten Ruhe liegt eben diese. Über allem gibt es keine Sonne, nur den Staub der alten Sterne. Seltsam aber: Was im Wasser sich spiegelt, ist nicht das Boot... Etwas zieht herauf.
Die eben besprochene Arbeit heißt Revolutionsbild und ist von 2012. Ihre Titel, sagt die Malerin, sind sachlich, Benennungen. Revolution heißt Umkehr der Verhältnisse, ein grundlegender Wandel. Revolution ist der gefürchtete, der verzweifelt gewünschte Moment, da nichts mehr fest steht, alles möglich scheint und die Zeit sich dehnt. „Eine Revolution ist ein Unglück“, sagt Heinrich Heine, „aber ein noch größeres Unglück ist eine verunglückte Revolution“. Malen ist schön, sagt die Malerin, weil man da frei ist.

Damit genug der Interpretation, von meiner Sicht auf die Dinge. Bilder dauern, wenn es Bilder sind, sie sind mit einer Deutung nicht auszuschöpfen. Was sie, verehrtes Publikum mit den hier versammelten Arbeiten anfangen, werden Sie selbst herausfinden. Kunst hat immer mit Hunger zu tun, in mehr als einer Hinsicht. Welcher Art der ist, werden sie die Bilder befragen müssen und sich selbst. Was gehen sie an, wenn sie angehen, und was betrifft, wenn sie betreffen, was haben sie verlangt und was verlangen sie?
Bilder, wenn sie taugen, das ist so ihre Art, brauchen Köpfe, Augen, die sehen und das Potential unterm Schädeldach, um ihr Potential zu entfalten, das helle wie das dunkle...
Ich wünsche der Ausstellung viele Besucher und ihnen einen guten Abend. Vielen Dank.


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